Der
Christbaumständer
Beim Aufräumen des Dachbodens - ein paar Wochen vor Weihnachten - entdeckte ich in einer Ecke einen ganz verstaubten, uralten Weihnachtsbaumständer. Es war ein besonderer Ständer mit einem Drehmechanismus und einer eingebauten Spielwalze. Beim vorsichtigen Drehen konnte man das Lied "O du fröhliche" erkennen. Das musste der Christbaumständer sein, von dem Großmutter immer erzählte, wenn die Weihnachtszeit herankam. Das Ding sah zwar fürchterlich aus, doch da kam mir ein wunderbarer Gedanke. Wie würde sich Großmutter freuen, wenn sie am Heiligabend vor dem Baum säße und dieser sich auf einmal wie in uralter Zeit zu drehen begänne und dazu "O du fröhliche" spielte. Nicht nur Großmutter, die ganze Familie würde staunen.
Es
gelang mir, mit dem antiken Stück ungesehen in seinen
Bastelraum zu
verschwinden. Gut gereinigt, eine neue Feder, dann müsste
der
Mechanismus wieder funktionieren, überlegte ich. Abends zog
ich seit dem geheimnisvoll in meinen Hobbyraum zurück,
verriegelte die Tür
und werkelte. Auf neugierige Fragen antwortete ich immer nur
"Weihnachtsüberraschung". Kurz vor Weihnachten hatte ich es
geschafft. Wie neu sah der Ständer aus, nachdem er auch noch
einen
Anstrich erhalten hatte.
Jetzt
aber gleich los und einen prächtigen Christbaum besorgen,
dachte ich.
Mindestens zwei Meter sollte der messen. Mit einem wirklich
schön
gewachsenen Exemplar verschwand ich dann in meinem
Hobbyraum, wo ich
auch gleich einen Probelauf startete. Es funktionierte alles
bestens.
Würde Großmutter Augen machen!
Endlich
war Heiligabend. "Den Baum schmücke ich alleine", tönte
ich. So aufgeregt war ich lange nicht mehr. Echte Kerzen
hatte ich
besorgt, alles sollte stimmen. "Die werden Augen machen",
sagte ich bei jeder Kugel, die ich in den Baum hing. Ich
hatte
wirklich an alles gedacht. Der Stern von Bethlehem saß oben
auf der
Spitze, bunte Kugeln, Naschwerk und Wunderkerzen waren
untergebracht,
Engelhaar und Lametta dekorativ aufgehängt. Die Feier konnte
beginnen.
Ich fuhr Großmutter den großen Ohrensessel herbei. Feierlich
wurde sie geholt und zu ihrem Ehrenplatz geleitet. Die
Stühle hatte
ich in einem Halbkreis um den Tannenbaum gruppiert. Die
Eltern setzten
sich rechts und links von Großmutter, die Kinder nahmen
außen
Platz. Jetzt kam mein großer Auftritt. Bedächtig zündete ich
Kerze für Kerze an, dann noch die Wunderkerzen. "Und jetzt
kommt die große Überraschung", verkündete ich, löste die
Sperre am Ständer und nahm ganz schnell meinen Platz ein.
Langsam
drehte sich der Weihnachtsbaum, hell spielte die Musikwalze
"O
du fröhliche". War das eine Freude! Die Kinder klatschten
vergnügt in die Hände. Oma hatte Tränen der Rührung in den
Augen.
Immer wieder sagte sie: "Wenn Großvater das noch erleben
könnte, dass ich das noch erleben darf." Mutter war stumm
vor
Staunen.
Eine
ganze Weile schaute die Familie beglückt und stumm auf den
sich im
Festgewand drehenden Weihnachtsbaum, als ein schnarrendes
Geräusch
sie jäh aus ihrer Versunkenheit riss. Ein Zittern durchlief
den
Baum, die bunten Kugeln klirrten wie Glöckchen. Der Baum
fing an,
sich wie verrückt zu drehen. Die Musikwalze hämmerte los. Es
hörte
sich an, als wollte "O du fröhliche" sich selbst
überholen. Marjut rief mit überschnappender Stimme: "So tu
doch etwas!". Ich saß wie versteinert, was den Baum nicht
davon abhielt, seine Geschwindigkeit zu steigern. Er drehte
sich so
rasant, dass die Flammen hinter ihren Kerzen herwehten.
Großmutter
bekreuzigte sich und betete. Dann murmelte sie: "Wenn das
Großvater noch erlebt hätte."
Als
Erstes löste sich der Stern von Bethlehem, sauste wie ein
Komet
durch das Zimmer, klatschte gegen den Türrahmen und fiel
dann auf
Felix, den Dackel, der dort ein Nickerchen hielt. Der arme
Hund
flitzte wie von der Tarantel gestochen aus dem Zimmer in die
Küche,
wo man von ihm nur noch die Nase und ein Auge um die Ecke
schielen
sah. Lametta und Engelhaar hatten sich erhoben und schwebten
wie ein
Kettenkarussell am Weihnachtsbaum. Ich gab das Kommando
"Alles
in Deckung!" Ein Rauschgoldengel trudelte losgelöst durchs
Zimmer, nicht wissend, was er mit seiner plötzlichen
Freiheit
anfangen sollte.
Weihnachtskugeln, gefüllter Schokoladenschmuck und andere Anhängsel sausten wie Geschosse durch das Zimmer und platzten beim Aufschlagen auseinander.
Die
Kinder hatten hinter Großmutters Sessel Schutz gefunden. Ich
und Marjut, wir lagen flach auf dem Bauch, den Kopf mit den
Armen schützend.
Marjut jammerte in den Teppich hinein: "Alles umsonst, die
viele
Arbeit, alles umsonst!" Mir war das alles sehr peinlich. Oma
saß immer noch auf ihrem Logenplatz, wie erstarrt, von oben
bis
unten mit Engelhaar und Lametta geschmückt. Ihr kam
Großvater in
den Sinn, als dieser 44 in Nord-Finnland in feindlichem
Artilleriefeuer gelegen hatte. Genau so musste es gewesen
sein. Als
gefüllter Schokoladenbaumschmuck an ihrem Kopf explodierte,
registrierte sie trocken "Kirschwasser" und murmelte: "Wenn
Großvater das noch erlebt hätte!" Zu allem jaulte die
Musikwalze im Schlupfakkord "O du fröhliche", bis mit
einem ächzenden Ton der Ständer seinen Geist aufgab.
Durch
den plötzlichen Stopp neigte sich der Christbaum in
Zeitlupe, fiel
aufs kalte Buffet, die letzten Nadeln von sich gebend.
Totenstille!
Großmutter, geschmückt wie nach einer New Yorker
Konfettiparade,
erhob sich schweigend. Kopfschüttelnd begab sie sich, eine
Lamettagirlande wie eine Schleppe tragend, auf ihr Zimmer.
In der Tür
stehend sagte sie: "Wie gut, dass Großvater das nicht erlebt
hat!"
Marjut,
völlig aufgelöst zu mir: "Wenn ich mir diese Bescherung
ansehe, dann ist deine große Überraschung wirklich
gelungen."
Jukka meinte: "Du, Papi, das war echt stark! Machen wir das
jetzt Weihnachten immer so?"